Erdgas (Wiki, Definition)

Erdgas heizt rund die Hälfte aller deutschen Wohnungen — und steht zugleich vor dem schärfsten regulatorischen Umbruch seit Einführung der Brennwerttechnik. Wer heute kauft, vermietet oder eine Heizung erneuert, muss verstehen: Was steckt chemisch und energetisch in diesem Brennstoff, was kostet er real pro Kilowattstunde, welche Pflichten bringen GEG und CO₂-Bepreisung, und wann lohnt der Wechsel? Dieser Beitrag liefert die belastbaren Zahlen und die Praxis-Realität abseits der Lobby-Erzählungen.

Erdgas chemisch und physikalisch: Was den Brennstoff ausmacht

Erdgas ist ein fossiles Gasgemisch aus organischem Material, das über Jahrmillionen unter Druck und Hitze in porösen Gesteinsschichten entstand. Der energetische Hauptträger ist Methan (CH₄), beigemischt sind Ethan, Propan, Stickstoff, CO₂ und Spuren von Schwefelwasserstoff.

Erdgas-Zusammensetzung und Heizwert

Im deutschen Netz fließen zwei Qualitäten: H-Gas (high calorific) mit ca. 87–99 % Methananteil und einem Brennwert von rund 11,0–11,5 kWh/m³, sowie das ältere L-Gas (low calorific) aus niederländischen und norddeutschen Feldern mit nur etwa 8,8–10,5 kWh/m³. L-Gas wird derzeit netzweit auf H-Gas umgestellt — relevant für jeden Eigentümer, weil ältere Gasthermen dabei eingestellt oder getauscht werden müssen.

Kennwert H-Gas L-Gas
Methananteil 87–99 % 79–87 %
Brennwert 10,3–11,5 kWh/m³ 8,8–10,5 kWh/m³
Heizwert 9,3–10,4 kWh/m³ 8,0–9,5 kWh/m³
Wobbe-Index 13,6–15,7 kWh/m³ 10,5–13,0 kWh/m³
CO₂-Emission ca. 200 g/kWh ca. 200 g/kWh
Status im Netz Standard Auslaufend

Erdgas im Vergleich zu Flüssiggas und Biogas

Verwechslungsgefahr besteht ständig: Flüssiggas (LPG, Propan/Butan) wird per Tank geliefert und ist nicht netzgebunden. Biogas und Biomethan sind chemisch identisch zu Erdgas, stammen aber aus Biomasse — sie zählen im GEG als erneuerbar, kosten in der Lieferung aber meist 2–4 ct/kWh mehr.

  • Erdgas: leitungsgebunden, fossil
  • Flüssiggas: Tankversorgung, fossil
  • Biomethan: leitungsgebunden, regenerativ
  • Wasserstoff: künftig beigemischt, klimaneutral möglich
  • LNG: verflüssigtes Erdgas, importiert

Brennwert vs. Heizwert: Der oft übersehene Faktor

Der Brennwert (Hs) berücksichtigt zusätzlich die Kondensationswärme des Wasserdampfs im Abgas, der Heizwert (Hi) nicht. Eine moderne Brennwerttherme nutzt diese Differenz von rund 11 % — der Unterschied zwischen einem Niedertemperaturkessel mit 88 % und einer Brennwerttherme mit 98 % Wirkungsgrad. Auf 20.000 kWh Verbrauch sind das rund 200 € jährlich, die viele Eigentümer einfach verfeuern.

Erdgas-Preise und Heizkosten: Die echten Zahlen

Der Preis spaltet sich in Beschaffung, Netzentgelt, Konzessionsabgabe, Steuern und CO₂-Abgabe. Wer nur den Arbeitspreis vergleicht, übersieht regelmäßig 25–30 % der Gesamtbelastung.

Aufschlüsselung des Erdgas-Endkundenpreises

Bei einem Mischpreis von 11 ct/kWh entfallen typischerweise rund 55 % auf Beschaffung und Vertrieb, 20 % auf Netzentgelte, 5 % auf Konzessionsabgabe, 7 % auf CO₂-Abgabe, 8 % auf Energiesteuer und 5 % auf die Mehrwertsteuer (auf den Gesamtpreis 19 %). Die regulatorischen Bestandteile sind politisch fixiert — die Beschaffung schwankt mit dem TTF-Spotpreis.

Preisbestandteil Anteil ct/kWh
Beschaffung & Vertrieb ca. 55 % 6,0
Netzentgelt ca. 20 % 2,2
CO₂-Abgabe ca. 7 % 0,8
Energiesteuer ca. 5 % 0,55
Konzessionsabgabe ca. 4 % 0,45
Mehrwertsteuer 19 % ca. 9 % 1,0

Erdgas-Kosten für ein typisches Einfamilienhaus

Ein durchschnittliches unsaniertes Einfamilienhaus mit 130 m² benötigt rund 18.000–22.000 kWh Wärme pro Jahr. Bei einem aktuellen Mischpreis von etwa 11 ct/kWh inklusive Grundpreis ergeben sich:

Gebäudetyp Verbrauch p.a. Heizkosten p.a.
Neubau KfW-55 (130 m²) 5.500 kWh ca. 700 €
Saniert (130 m²) 11.000 kWh ca. 1.350 €
Unsaniert Bestand (130 m²) 20.000 kWh ca. 2.350 €
Baujahr vor 1977 (130 m²) 26.000 kWh ca. 3.000 €
Mehrfamilienhaus (600 m²) 72.000 kWh ca. 8.200 €

Faustregel des Profis: Wer beim Hauskauf einen Energieausweis mit über 150 kWh/(m²·a) Endenergiebedarf sieht, muss bei Gas mit jährlich steigenden CO₂-Kosten rechnen — das gehört zwingend in die Kapitalanlage-Kalkulation und den Cashflow.

CO₂-Preis und seine Wirkung auf Erdgas

Die nationale CO₂-Bepreisung verteuert Erdgas planmäßig weiter. Der Aufschlag steigt schrittweise und schlägt mit etwa 0,5–0,9 ct/kWh durch — bei 20.000 kWh Jahresverbrauch sind das 100–180 € zusätzlich, und das ist erst der Anfang. Ab Übergang in den EU-ETS 2 ist der Preis nicht mehr politisch gedeckelt.

  • CO₂-Aufschlag: ca. 0,5–0,9 ct/kWh
  • Mehrkosten EFH 20.000 kWh: 100–180 €/Jahr
  • Steigerung über zehn Jahre: 200–400 %
  • Umlage Mieter/Vermieter: nach Stufenmodell GEG
  • EU-ETS 2: keine Preisdeckelung mehr
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Erdgasheizung im GEG: Was rechtlich noch erlaubt ist

Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) hat reine Gasheizungen faktisch zum Auslaufmodell gemacht — aber nicht verboten. Wer die Regeln nicht kennt, baut entweder unnötig teuer oder verstößt gegen Pflichten.

Erdgas-Einbau nach § 71 GEG

Im Neubau in Neubaugebieten gilt seit dem Inkrafttreten: jede neue Heizung muss zu mindestens 65 % mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Eine reine Gastherme erfüllt das nicht. Im Bestand und außerhalb von Neubaugebieten greifen Übergangsfristen, gekoppelt an die kommunale Wärmeplanung. In Großstädten (über 100.000 Einwohner) endet die Frist früher als in kleineren Kommunen.

Erdgas-Heizung defekt: Reparatur, Tausch, Pflichten

Ist die alte Gastherme reparabel, darf sie repariert werden — kein Zwangstausch. Bei irreparablem Defekt greift eine Übergangsfrist von in der Regel fünf Jahren, in der eine reine Gasheizung noch eingebaut werden darf, sofern sie auf Wasserstoff oder mindestens 65 % Biomethan umgerüstet werden kann (sog. H₂-Ready). Pflicht ist zudem eine Beratung durch einen Energie-Effizienz-Experten nach § 71 Abs. 11 GEG.

Härtefall- und Befreiungsregelungen nach § 102 GEG

Wer durch die Heizungspflicht in eine unbillige Härte gerät, kann Befreiung beantragen. Anerkannt sind in der Regel: Eigentümer über 80 Jahre bei Eigennutzung, Investitionskosten über 50 % des Gebäudewerts, fehlende Wirtschaftlichkeit nach DIN-Kriterien. Der Antrag läuft über die untere Bauaufsichtsbehörde des Landkreises — die Praxis variiert zwischen Bundesländern erheblich.

§ 72 GEG: Heizkessel mit Standard- oder Konstanttemperaturtechnik, die vor mehr als 30 Jahren eingebaut wurden, müssen außer Betrieb genommen werden — unabhängig vom GEG-Erneuerbaren-Gebot. Ausgenommen sind Niedertemperatur- und Brennwertkessel sowie Ein- und Zweifamilienhäuser, in denen der Eigentümer seit Februar 2002 selbst wohnt.

Kommunale Wärmeplanung: Der versteckte Stichtag

Bis Mitte des Jahrzehnts müssen Großstädte (über 100.000 Einwohner) ihre Wärmeplanung vorlegen, kleinere Kommunen erhalten zwei zusätzliche Jahre. Erst nach Veröffentlichung greift die 65-%-EE-Pflicht im Bestand. Wer in einer als „Wasserstoff-Eignungsgebiet“ ausgewiesenen Zone wohnt, hat länger Spielraum mit Gas — wer in einem Fernwärmegebiet liegt, muss bei Heizungstausch faktisch anschließen oder hochrüsten.

Erdgas oder Wärmepumpe: Die Investitionsrechnung

Die emotionale Debatte verstellt den Blick auf die nüchterne Mathematik. Entscheidend sind Investition, Verbrauch, Energiepreisentwicklung und Förderung.

Erdgas-Brennwerttherme vs. Wärmepumpe im Vollkostenvergleich

Der Vollkostenvergleich über 15 Jahre zeigt klarer als jeder Werbeprospekt, wo die Wirtschaftlichkeit kippt. Entscheidend sind Investition, Förderquote, Jahresarbeitszahl und Energiepreis-Pfad.

Position Gas-Brennwert Luft-Wasser-Wärmepumpe
Investition (EFH) 9.000–13.000 € 28.000–40.000 €
BEG-Förderung 0 € 30–70 % (max. 21.000 €)
Verbrauchskosten p.a. (20.000 kWh Wärme) ca. 2.350 € ca. 1.500 € (JAZ 3,5)
Wartung p.a. 180–250 € 200–350 €
Schornsteinfeger p.a. 80–130 € 0 €
Lebensdauer 15–20 Jahre 15–20 Jahre

Erdgas-Hybridlösung als Brücke

Die Hybridheizung — Wärmepumpe für die Grundlast, Gastherme für Spitzenlast und sehr kalte Tage — erfüllt die 65 %-EE-Pflicht und ist im schlecht gedämmten Bestand oft wirtschaftlicher als der reine Wärmepumpentausch. Wer die Renovierungs-ROI rechnet, sollte die Hybridvariante immer als Szenario gegenüberstellen. Auch der DSCR-Check verändert sich, wenn die Heizinvestition über das Annuitätendarlehen mitläuft.

Erdgas in der Vermieterpraxis: Umlage, Pflichten, Fallen

Für Kapitalanleger ist Erdgas doppelt relevant: als Heizkostenposition und als regulatorisches Risiko. Der größte Fehler — die CO₂-Kosten still auf Mieter umzulegen — ist seit dem CO2KostAufG nicht mehr zulässig.

Erdgas-CO₂-Kosten: Stufenmodell für Vermieter

Je schlechter der energetische Zustand des Gebäudes, desto höher der Vermieteranteil an den CO₂-Kosten. Bei einem unsanierten Altbau (über 52 kg CO₂/m²·a) trägt der Vermieter 95 %, der Mieter nur 5 %. Bei energieeffizienten Gebäuden (unter 12 kg CO₂/m²·a) trägt der Mieter alles.

CO₂-Ausstoß kg/(m²·a) Vermieter Mieter
< 12 0 % 100 %
12–17 10 % 90 %
17–22 30 % 70 %
22–27 40 % 60 %
27–32 50 % 50 %
32–37 60 % 40 %
37–42 70 % 30 %
42–47 80 % 20 %
47–52 90 % 10 %
> 52 95 % 5 %

Erdgas in der Nebenkostenabrechnung

Heizkosten sind nach HeizkostenV verbrauchsabhängig zu mindestens 50, höchstens 70 % abzurechnen. Wer die Nebenkostenabrechnung prüft, findet bei Gas regelmäßig drei Fehler: falscher Verteilerschlüssel, vergessene Vorauszahlungen und nicht aufgeschlüsselte CO₂-Kosten.

  • Verteilerschlüssel: 50–70 % verbrauchsabhängig
  • CO₂-Kosten getrennt ausweisen
  • Brennstoffvorrat zu Stichtagen bewerten
  • Wartungskosten umlagefähig, Reparatur nicht
  • Frist Abrechnung: 12 Monate nach Periodenende

Erdgas beim Immobilienkauf: Was zu prüfen ist

Eine Gasheizung ist beim Hauskauf weder K.O.-Kriterium noch Bagatelle — sie ist eine Position in der Investitionsrechnung. Wer die Folgekosten ignoriert, verkalkuliert sich schnell um 30.000 € oder mehr.

Erdgas-Check vor dem Notartermin

  • Alter und Typ der Therme prüfen
  • Energieausweis: Endenergie und Primärenergie
  • Letzte drei Heizkostenabrechnungen einsehen
  • Schornsteinfegerprotokoll der letzten Messung
  • Wartungsvertrag und Belege
  • Anschluss H-Gas oder noch L-Gas?
  • Kommunale Wärmeplanung der Gemeinde abfragen
  • Hybrid- oder WP-Sanierung kalkulieren

Diese Punkte gehören in die Verhandlung — eine 22 Jahre alte Therme ist ein Preisargument von 10.000–15.000 €. Plane den Tausch direkt mit ein und nutze für Kalkulation und Steuern den Kaufnebenkosten-Rechner, die Grunderwerbsteuer sowie die Notarkosten. Regional schwanken die Anschlusskosten erheblich — der Vergleich nach Bundesland lohnt vor jedem Kauf.

Erdgas und Finanzierung: Auswirkung auf Bank und Tilgung

Banken bewerten energetisch schwache Objekte zunehmend kritisch (ESG-Beleihung). Eine reine Gasheizung im unsanierten Bestand kann zu einem Beleihungsabschlag von 5–10 % führen. Plane Sanierung und Finanzierung integriert: monatliche Belastung, Anschlussfinanzierung und Eigenkapitalrendite verändern sich spürbar, wenn die Heizung in den ersten Jahren mitfinanziert wird. Für Kapitalanleger entscheidet die Kombination aus Mietrendite und Kaufpreisfaktor darüber, ob ein gasbeheiztes Objekt überhaupt rechnet.

Erdgas-Anschlusskosten beim Neuanschluss

Wer ein Objekt ohne bestehenden Gasanschluss kauft und nachrüsten will: Hausanschluss inklusive Tiefbau kostet 1.800–3.500 €, Steigleitung und Zähler weitere 500–900 €, die Therme selbst 6.000–11.000 € inklus

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