Bestandsimmobilie (Wiki, Definition): Vollständige entwickelte und bereits genutzte Immobilie
Eine Bestandsimmobilie ist die fertige, schon einmal bewohnte oder gewerblich genutzte Immobilie — abgegrenzt vom Neubau ab Bauträger. Wer kauft, bekommt sofort Mieteinnahmen oder Eigennutzung, zahlt aber volle Grunderwerbsteuer auf Gebäude plus Grundstück und übernimmt jeden versteckten Mangel. Wer den Bestand richtig liest, kauft günstiger pro Quadratmeter, erhält oft 4–6 % Bruttorendite und kann Sanierungs-AfA nutzen. Wer Fehler macht, sitzt auf 60.000 Euro nicht eingepreister Dachsanierung — oder erbt eine WEG-Sonderumlage von 18.000 Euro, die im letzten Protokoll vor seinem Kauf beschlossen wurde.
Bestandsimmobilie vs. Neubau: Der entscheidende Unterschied
Die Trennlinie zwischen Bestand und Neubau verläuft nicht beim Baujahr, sondern bei der Erstnutzung. Sobald eine Immobilie einmal bewohnt oder vermietet wurde, gilt sie steuer- und marktrechtlich als Bestand — selbst wenn sie erst zwei Jahre alt ist.
Bestandsimmobilie: Definition nach Marktverständnis
Bautätigkeit komplett abgeschlossen, Abnahme erfolgt, Erstbezug vollzogen. Der Verkäufer ist eine Privatperson, eine Erbengemeinschaft, ein institutioneller Eigentümer oder ein Bestandshalter — nicht der Bauträger. Damit fällt keine Umsatzsteuer auf den Kaufpreis an, dafür entfällt die Gewährleistung des § 650a BGB. Zivilrechtlich gilt ein Sachmängelgewährleistungsausschluss („gekauft wie besehen“) als wirksam, soweit der Verkäufer keinen Mangel arglistig verschwiegen hat (§ 444 BGB).
Bestandsimmobilie im Vergleich zum Neubau
Der Bauträger verkauft Neubau nach MaBV mit Ratenzahlungsplan und 5 Jahren Gewährleistung. Bei der Bestandsimmobilie zahlst du den Kaufpreis komplett bei Übergabe, kaufst aber „wie besehen“ — Sachmängelhaftung typischerweise ausgeschlossen. Reklamationen müssen Arglist nachweisen, was vor Gericht selten gelingt.
| Kriterium | Bestandsimmobilie | Neubau (Bauträger) |
|---|---|---|
| Kaufpreis pro m² (Mittel) | 2.800–4.500 € | 4.500–7.500 € |
| Bruttomietrendite | 3,5–6,0 % | 2,2–3,5 % |
| Gewährleistung | meist ausgeschlossen | 5 Jahre nach VOB/BGB |
| Sofortbezug | ja, oft binnen 4–8 Wochen | nach Fertigstellung (12–36 Monate) |
| Modernisierungsbedarf | häufig 200–800 €/m² | keiner |
| AfA-Satz Wohnen | 2,0 % (ab Baujahr 1925: 2,5 %) | 3,0 % linear möglich |
| Umsatzsteuer auf Kaufpreis | nein (§ 4 Nr. 9a UStG) | im Bruttopreis enthalten |
| KfW-Förderung | BEG-Sanierung möglich | BEG-Klimafreundlicher Neubau |
Sonderfall: Junger Bestand und Erstvermietung
Eine Wohnung, die der Bauträger selbst kurz vermietet hat, bevor er sie weiterverkauft, gilt als Bestand — der Käufer verliert die fünfjährige Bauträgergewährleistung. Vorsicht bei „neuwertig“-Inseraten: Frage immer nach dem Erstbezugsdatum und prüfe es im Einwohnermeldeamt-Auszug der Verkäuferseite.
Bestandsimmobilie kaufen: Die Kostenrealität
Der Kaufpreis ist nur die halbe Wahrheit. Erst die Nebenkosten plus Modernisierungsstau zeigen, was du wirklich bezahlst. Rechne mit 10–15 % Kaufnebenkosten und einer Modernisierungsreserve von 10 % auf den Kaufpreis bei Objekten älter als 30 Jahre.
Kaufnebenkosten der Bestandsimmobilie
Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch und ggf. Makler addieren sich auf das Bundesland-Niveau. Prüfe mit dem Kaufnebenkosten-Rechner deine Gesamtbelastung und vergleiche die Sätze über die Bundesland-Übersicht.
| Position | Höhe | Rechtsgrundlage |
|---|---|---|
| Grunderwerbsteuer | 3,5–6,5 % | § 11 GrEStG |
| Notar | 1,0–1,5 % | GNotKG |
| Grundbucheintragung | 0,5 % | GNotKG KV 14110 |
| Maklercourtage Käuferanteil | 3,57 % inkl. USt | § 656c BGB |
| Summe Nebenkosten | 8,5–12 % | — |
Grunderwerbsteuer im Bundesland-Vergleich
Die Grunderwerbsteuer macht den größten Block der Nebenkosten aus und schwankt je Bundesland zwischen 3,5 und 6,5 %. Bei einem Kaufpreis von 400.000 Euro sind das 12.000 Euro Differenz zwischen Bayern und Brandenburg.
| Bundesland | Grunderwerbsteuer | Auf 400.000 € Kaufpreis |
|---|---|---|
| Bayern, Sachsen | 3,5 % | 14.000 € |
| Hamburg | 5,5 % | 22.000 € |
| Baden-Württemberg, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt | 5,0 % | 20.000 € |
| Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern | 6,0 % | 24.000 € |
| Brandenburg, NRW, Saarland, Schleswig-Holstein, Thüringen | 6,5 % | 26.000 € |
Konkrete Kalkulation lohnt vor dem Notartermin — über die spezifischen Tools zu Grunderwerbsteuer, Notarkosten und Maklerprovision.
Rechenbeispiel 1: Bestandswohnung 320.000 Euro Hamburg
Eigentumswohnung, Baujahr 1975, 78 m², Hamburg-Barmbek, vermietet zu 9,80 €/m² Kaltmiete:
- Kaufpreis: 320.000 €
- Grunderwerbsteuer 5,5 %: 17.600 €
- Notar/Grundbuch 1,8 %: 5.760 €
- Makler 3,57 %: 11.424 €
- Modernisierungsstau: 22.000 €
- Gesamtinvestition: 376.784 €
- Jahres-Kaltmiete: 9.173 €
- Bruttomietrendite Kaufpreis: 2,87 %
- Bruttomietrendite Gesamtinvest: 2,43 %
Rechenbeispiel 2: Mehrfamilienhaus 780.000 Euro Sachsen
6-Parteien-MFH, Baujahr 1962, 420 m² Wohnfläche, Chemnitz B-Lage, vollvermietet zu 6,40 €/m²:
- Kaufpreis: 780.000 €
- Grunderwerbsteuer 3,5 %: 27.300 €
- Notar/Grundbuch 1,8 %: 14.040 €
- Ohne Makler (Direktkauf)
- Strangsanierung in 5 Jahren: 65.000 € Reserve
- Gesamtinvestition: 886.340 €
- Jahres-Kaltmiete: 32.256 €
- Bruttomietrendite Kaufpreis: 4,13 %
- Kaufpreisfaktor: 24,2
- Eigenkapitalrendite (25 % EK, 4 % Zins): ca. 9,8 %
Die Mietrenditeberechnung und der ehrliche Cashflow nach Steuern entscheiden, ob das Objekt trägt. Ergänze den Kaufpreisfaktor als Plausibilitätscheck — Faktor über 30 in B-Lage ist heute selten verteidigbar.
Substanz prüfen: Wo Bestandsimmobilien wirklich Geld kosten
Die teuersten Überraschungen kommen aus Bauteilen, die 40+ Jahre Lebensdauer haben und dann in einem Jahr fällig werden. Wer das Baujahr kennt, kann den Sanierungszyklus rückwärts rechnen.
Lebensdauer typischer Bauteile bei Bestandsimmobilien
Jede Bestandsimmobilie hat einen Sanierungs-Fahrplan, ob dokumentiert oder nicht. Die folgenden Werte sind Mittelwerte aus Verkehrswertgutachten und decken sich mit den Restnutzungsdauer-Tabellen der NHK 2010.
| Bauteil | Lebensdauer | Kosten Erneuerung |
|---|---|---|
| Dacheindeckung Ziegel | 40–60 Jahre | 120–200 €/m² |
| Heizungsanlage Gas/Öl | 15–25 Jahre | 15.000–28.000 € |
| Wärmepumpe Luft/Wasser | 18–25 Jahre | 28.000–42.000 € |
| Fenster (2-fach Verglasung) | 25–40 Jahre | 650–1.100 €/Stück |
| Fassade WDVS | 30–40 Jahre | 140–220 €/m² |
| Elektroinstallation | 30–40 Jahre | 80–130 €/m² |
| Sanitär/Steigleitungen | 40–60 Jahre | 250–400 €/m² |
| Aufzug Modernisierung | 20–30 Jahre | 45.000–80.000 € |
| Balkonsanierung | 30–40 Jahre | 4.500–8.000 €/Stück |
Faustregel aus 20 Jahren Praxis: Bei Wohnungen vor Baujahr 1980 ohne dokumentierte Strang- und Heizungssanierung mindestens 600 €/m² Reserve einplanen — sonst frisst der Modernisierungsstau zwei Jahresnettomieten pro Sanierungszyklus.
GEG-Pflichten beim Erwerb einer Bestandsimmobilie
Wer eine Bestandsimmobilie kauft (Erbe oder Schenkung sind ausgenommen), muss innerhalb von 2 Jahren nach Eigentumsübergang nach § 47 GEG bestimmte Nachrüstpflichten erfüllen:
- Austausch von Heizkesseln älter als 30 Jahre
- Dämmung oberster Geschossdecke (U-Wert ≤ 0,24 W/m²K)
- Dämmung freiliegender Heizungs- und Warmwasserleitungen
- Bei Heizungstausch: 65 %-Erneuerbare-Energien-Pflicht
Die Kosten für diese Pflichtmaßnahmen liegen je nach Objekt zwischen 8.000 und 35.000 Euro und müssen in die Kaufpreis-Kalkulation einfließen. Bei Eigentumswohnungen entscheidet die WEG mehrheitlich — du zahlst anteilig nach MEA (Miteigentumsanteilen).
Pflichtdokumente vor dem Kauf einer Bestandsimmobilie
- Aktueller Grundbuchauszug aller Abteilungen
- Energieausweis nach GEG § 80
- Teilungserklärung und Aufteilungsplan (WEG)
- Letzte 3 Protokolle der Eigentümerversammlung
- Letzte 3 Wirtschaftspläne und Hausgeldabrechnungen
- Nachweis Instandhaltungsrücklage (mind. 15–25 €/m²/Jahr)
- Mietverträge mit Staffel- oder Indexvereinbarung
- Baulastenverzeichnis und Altlastenkataster
- Flurkarte vom Katasteramt
- Baugenehmigungen und Bauzeichnungen aller Umbauten
Bestandsimmobilie als Kapitalanlage: Was wirklich rentiert
Der reine Cashflow ist nur die erste Ebene. Steuerliche Effekte über AfA, Schuldzinsen und § 35a EStG drücken die effektive Rendite oft 30–40 % nach oben — wenn richtig strukturiert.
AfA-Vorteile bei der Bestandsimmobilie
Lineare AfA 2,0 % bei Baujahr ab 1925, 2,5 % davor. Der Knaller: Sanierungskosten innerhalb der ersten 3 Jahre über 15 % netto des Gebäudewertes gelten als anschaffungsnaher Herstellungsaufwand nach § 6 Abs. 1 Nr. 1a EStG — dann nur über AfA absetzbar. Drunter bleiben sie sofort als Werbungskosten abzugsfähig.
Restnutzungsdauer-Gutachten als Steuerhebel
Nach § 7 Abs. 4 Satz 2 EStG kann eine kürzere tatsächliche Restnutzungsdauer durch Gutachten nachgewiesen werden. Bestätigt der Sachverständige etwa nur noch 25 statt 50 Jahre, springt die AfA von 2 % auf 4 % — bei 250.000 Euro Gebäudewert sind das 5.000 Euro mehr Abschreibung pro Jahr. Das BFH-Urteil IX R 25/19 hat diese Möglichkeit ausdrücklich bestätigt; die ImmoWertV-konforme Methode ist anerkannt.
Denkmal-Bestand mit Sonder-AfA
Eingetragene Baudenkmäler erlauben nach § 7i EStG erhöhte Absetzungen: 9 % über 8 Jahre, dann 7 % über 4 Jahre auf die anerkannten Sanierungskosten — zusätzlich zur regulären AfA. Die Denkmal-AfA-Berechnung zeigt das Hebelpotenzial. Voraussetzung: Bescheinigung der unteren Denkmalschutzbehörde vor Maßnahmenbeginn.
§ 6 Abs. 1 Nr. 1a EStG: Übersteigen Instandsetzungs- und Modernisierungsaufwendungen innerhalb von drei Jahren nach Anschaffung ohne Umsatzsteuer 15 % der Gebäude-Anschaffungskosten, gehören sie zwingend zu den Herstellungskosten. Faktencheck vor jeder Sanierungsplanung — sonst verlierst du den Sofortabzug.
Renditebenchmark Bestand
Die folgenden Bandbreiten zeigen, was Bestandsimmobilien je Lagekategorie aktuell liefern — bei realistischer Kalkulation und ohne Schönrechnen.
| Lage | Bruttomietrendite | Eigenkapitalrendite (60 % FK, 4 % Zins) |
|---|---|---|
| A-Lage Top 7 | 2,8–3,5 % | 3–6 % |
| B-Lage Großstadt | 4,0–5,0 % | 7–11 % |
| C-Lage Mittelstadt | 5,5–7,5 % | 10–16 % |
| D-Lage Kleinstadt | 7,0–11,0 % | schwer finanzierbar |
Tieferer Drilldown: Eigenkapitalrendite, DSCR-Check für die Bankperspektive und der Renovierungs-ROI für jede einzelne Modernisierungsmaßnahme.
Finanzierung der Bestandsimmobilie: Worauf Banken schauen
Banken bewerten Bestand anders als Neubau. Beleihungswert liegt typischerweise 10–15 % unter dem Kaufpreis, der Beleihungsauslauf entscheidet über den Zinssatz.
Beleihungslogik bei der Bestandsimmobilie
- Beleihungswert: Kaufpreis minus 10 % Sicherheitsabschlag
- 60 % Beleihungsauslauf: günstigster Zins
- 80 % Auslauf: + 0,15–0,30 % Aufschlag
- 100 % Auslauf (Vollfinanzierung): + 0,40–0,80 %
- Tilgung: mindestens 2 %, besser 3 % anfänglich
- Bei Baujahr vor 1960: zusätzlicher Risikoabschlag 5 %
Vor jeder Finanzierungsanfrage die monatliche Belastung kalkulieren und das maximale Investmentvolumen ableiten. Bei Anschlusssorgen rechtzeitig die Anschlussfinanzierung sichern — Forward-Darlehen sind ab 36 Monaten vor Ablauf möglich.
Eigennutzung versus Vermietung
Bei Eigennutzung entfallen steuerliche Vorteile fast vollständig — der Eigennutz-Rechner stellt der Mietalternative gegenüber. Wer als Anleger kauft, sollte den vollen Plan im Kapitalanlage-Kalkulator durchspielen.
Fallstricke: Die häufigsten Fehler beim Kauf einer Bestandsimmobilie
Aus 20 Jahren Begleitung von Käufen: Es sind nicht die exotischen Fehler, die teuer werden.

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