Zweitwohnsitzsteuer (Wiki, Definition)
Die Zweitwohnsitzsteuer trifft jedes Jahr Hunderttausende Berufspendler, Studierende und Ferienwohnungsbesitzer — oft völlig unvorbereitet bei der nächsten Briefpost vom Stadtkämmerer. In über 800 deutschen Kommunen werden zwischen 8 % und 35 % der Jahresnettokaltmiete als Steuer fällig, in München sogar 18 %, in Berlin 15 %, in Hamburg 8 %. Wer falsch anmeldet, riskiert Nachzahlungen über mehrere Jahre plus Säumniszuschläge nach § 240 AO. Wer die Befreiungstatbestände kennt, spart oft vierstellig pro Jahr — und vermeidet zugleich Renditeeinbußen bei der Kapitalanlage-Kalkulation.
Zweitwohnsitzsteuer: Rechtsgrundlage und kommunale Hoheit
Die Zweitwohnsitzsteuer ist eine örtliche Aufwandsteuer nach Art. 105 Abs. 2a GG. Sie wird nicht vom Bund oder Land, sondern von der einzelnen Gemeinde per Satzung erhoben — deshalb existieren bundesweit hunderte unterschiedlicher Regelungen mit abweichenden Steuersätzen, Bemessungsgrundlagen und Ausnahmen. Die Steuer fließt vollständig in den kommunalen Haushalt und ist eine der wenigen echten Einnahmequellen, über die Kommunen autonom entscheiden.
Was die Zweitwohnsitzsteuer rechtlich rechtfertigt
Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Entscheidungen (zuletzt 1 BvR 1232/00 sowie 2 BvR 2628/18) bestätigt: Wer sich neben dem Hauptwohnsitz eine zweite Wohnung leistet, betreibt einen besonderen Konsumaufwand — und genau dieser Aufwand wird besteuert. Es geht also nicht um Einkommen, sondern um die Verwendung von Einkommen für eine zweite Wohnung. Daraus folgt: Wer die Wohnung beruflich zwingend benötigt und nicht freiwillig hält, fällt aus dem Aufwandsbegriff heraus.
Welche Kommunen die Zweitwohnsitzsteuer erheben
Längst nicht jede Stadt erhebt sie. Universitätsstädte, Tourismusregionen und Ballungsräume sind die Hotspots. Wer eine Ferienwohnung als Kapitalanlage hält oder beruflich pendelt, sollte die Satzung der Zielkommune vor der Anmeldung prüfen. Auch innerhalb desselben Bundeslandes variieren die Sätze massiv: In Bayern erhebt Garmisch-Partenkirchen 20 %, das benachbarte Bad Tölz nichts.
| Stadt | Steuersatz | Bemessungsgrundlage |
|---|---|---|
| München | 18 % | Jahresnettokaltmiete |
| Berlin | 15 % | Jahresnettokaltmiete |
| Hamburg | 8 % | Jahresnettokaltmiete |
| Köln | 10 % | Jahresnettokaltmiete |
| Frankfurt a. M. | 10 % | Jahresnettokaltmiete |
| Freiburg i. Br. | 12 % | Jahresnettokaltmiete |
| Konstanz | 35 % | Jahresnettokaltmiete |
| Leipzig | 16 % | Jahresnettokaltmiete |
| Dresden | 10 % | Jahresnettokaltmiete |
| Garmisch-Partenkirchen | 20 % | Jahresnettokaltmiete |
| Sylt-Westerland | 12 % | Jahresnettokaltmiete |
| Norderney | 15 % | Jahresnettokaltmiete |
Satzungssystematik: Stufenmodelle und Bagatellgrenzen
Einige Kommunen wie Stuttgart, Tübingen oder Heidelberg arbeiten mit gestaffelten Steuersätzen je nach Mietniveau. Andere Städte definieren Bagatellgrenzen — Wohnungen unter einer bestimmten Jahresmiete (häufig 1.500 bis 2.500 EUR) bleiben steuerfrei. Wer eine kleine Pendlerkammer mit 300 EUR Monatsmiete bewohnt, fällt damit oft komplett aus der Steuerpflicht.
Höhe der Zweitwohnsitzsteuer: So wird gerechnet
Die Steuer bemisst sich fast überall an der Jahresnettokaltmiete — also der Miete ohne Nebenkosten und ohne Heizung. Bei Eigentumswohnungen wird eine fiktive ortsübliche Vergleichsmiete angesetzt, die das Finanzamt aus dem Mietspiegel ableitet. Die Steuer wird grundsätzlich für ein Kalenderjahr festgesetzt und ist meist in vier Quartalsraten zum 15.02., 15.05., 15.08. und 15.11. fällig.
Rechenbeispiel zur Zweitwohnsitzsteuer in München
Eine 45-m²-Pendlerwohnung in München-Schwabing kostet 1.350 EUR Kaltmiete pro Monat. Daraus ergibt sich folgende Steuerlast:
1.350 EUR × 12 Monate = 16.200 EUR Jahresnettokaltmiete
16.200 EUR × 18 % = 2.916 EUR Zweitwohnsitzsteuer pro Jahr
Das sind zusätzliche 243 EUR pro Monat — eine Summe, die viele Pendler bei der ursprünglichen monatlichen Belastung nicht eingeplant haben. Bei Eigentumswohnungen kommt die Steuer zusätzlich zur Finanzierungsrate, dem Hausgeld und den laufenden Kosten der Eigentümergemeinschaft.
Zweites Rechenbeispiel: Ferienwohnung in Konstanz
Eine 60-m²-Eigentumswohnung am Bodensee mit ortsüblicher Vergleichsmiete von 14 EUR/m² kalt:
60 m² × 14 EUR = 840 EUR Monatsmiete fiktiv
840 EUR × 12 = 10.080 EUR Jahresnettokaltmiete
10.080 EUR × 35 % = 3.528 EUR Zweitwohnsitzsteuer pro Jahr
Über eine Halteperiode von 20 Jahren summiert sich allein die Zweitwohnsitzsteuer auf rund 70.560 EUR — ohne Indexierung. Wer das nicht in den Cashflow einbaut, überschätzt den Kaufpreisfaktor systematisch.
Bei Eigentum: Schätzung der Zweitwohnsitzsteuer-Bemessung
Selbstgenutzte Eigentumswohnungen werden nach ortsüblicher Vergleichsmiete bewertet. Die Kommune setzt typischerweise den oberen Mietspiegelwert an — eine Korrektur ist mit gutachterlicher Stellungnahme möglich, lohnt aber meist erst ab 60 m² Wohnfläche. Bei luxuriös ausgestatteten Objekten (Seeblick, Concierge, Tiefgarage) addieren manche Kommunen Zuschläge von 10–25 % auf den Mietspiegelmittelwert.
Praxis-Tipp: Fordern Sie den Bescheid mit detaillierter Begründung der Bemessungsgrundlage an. Allein die formale Aufforderung führt in rund 30 % der Fälle zu einer Korrektur nach unten, weil Kommunen den oberen Mietspiegelwert oft nicht sauber begründen können.
Wer die Zweitwohnsitzsteuer zahlen muss — und wer befreit ist
Steuerpflichtig ist, wer in der Kommune einen Nebenwohnsitz im Sinne von § 21 BMG (Bundesmeldegesetz) führt. Entscheidend ist die melderechtliche Anmeldung — nicht der tatsächliche Aufenthalt. Wer also formal angemeldet ist, zahlt, auch wenn er die Wohnung selten nutzt.
Befreiungen von der Zweitwohnsitzsteuer im Überblick
- Verheiratete Berufspendler (BVerfG, 1 BvR 1232/00)
- Eingetragene Lebenspartner mit Hauptwohnsitz beim Partner
- Heim- und Pflegeheimbewohner mit Zweitwohnung
- Bundeswehr- und Polizeiunterkünfte (Gemeinschaftsunterkunft)
- Studierende ohne eigenes Einkommen (kommunal unterschiedlich)
- Wohnungen mit Mietobergrenze unter Bagatellgrenze
- JVA-Bedienstete in Dienstwohnung
- Erwerbslose mit ALG-II-Bezug (kommunale Erlass-Praxis)
Die wichtigste Befreiung: Verheiratete dürfen aus Art. 6 GG nicht für ihren beruflich bedingten Nebenwohnsitz besteuert werden, wenn der Hauptwohnsitz die Familienwohnung ist. Diese Entscheidung des BVerfG aus 2005 wird bis heute von Kommunen oft erst auf Widerspruch hin angewendet.
Sonderfall: Unverheiratete Paare und Patchwork-Familien
Unverheiratete Lebensgefährten genießen den verfassungsrechtlichen Schutz aus Art. 6 GG nicht. Wer mit Partner und Kind in der Familienwohnung lebt, aber unverheiratet ist, zahlt am Arbeitsort die volle Zweitwohnsitzsteuer. Die einzige Lösung: Heirat oder eingetragene Lebenspartnerschaft vor der Anmeldung. Einige Verwaltungsgerichte (zuletzt VG Münster, 9 K 5234/19) haben diese Ungleichbehandlung kritisiert, an der Rechtslage hat sich aber bisher nichts geändert.
Typische Fehler bei der Zweitwohnsitzsteuer-Anmeldung
- Hauptwohnsitz versehentlich am Arbeitsort gemeldet
- Kein Widerspruch trotz Ehe-Befreiung eingelegt
- Ferienwohnung nicht als Kapitalanlage deklariert
- Vermietung an Dritte nicht der Stadt gemeldet
- Heiratsurkunde nicht aktiv beim Steueramt eingereicht
- Umzug vergessen abzumelden, Steuer läuft weiter
Hauptwohnsitz vs. Nebenwohnsitz: Die richtige Wahl
Hauptwohnsitz ist nach § 22 BMG die vorwiegend genutzte Wohnung. Bei Familien zählt zwingend die Familienwohnung — auch wenn der Berufstätige tatsächlich mehr Zeit am Arbeitsort verbringt. Bei Singles entscheidet die tatsächliche Aufenthaltsdauer, gemessen über Übernachtungen pro Kalenderjahr.
Strategische Wahl des Hauptwohnsitzes zur Vermeidung der Zweitwohnsitzsteuer
Wer in einer Hochsteuerstadt wie München oder Konstanz arbeitet, aber eine günstige Wohnung im Umland besitzt, sollte prüfen, ob der Hauptwohnsitz nicht ins Umland verlegt werden kann. Bei Single-Pendlern ist das aber rechtlich nur korrekt, wenn die Umlandwohnung tatsächlich überwiegend genutzt wird — Scheinanmeldungen sind nach § 54 BMG bußgeldbewehrt (bis 1.000 EUR), in schweren Fällen droht zusätzlich der Vorwurf der Steuerhinterziehung nach § 370 AO.
| Konstellation | Hauptwohnsitz | Steuer fällig? |
|---|---|---|
| Verheiratet, Familie im Heimatort | Familienwohnung | Nein (verfassungsrechtlich) |
| Single, Pendler, 4 Tage/Woche Arbeit | Arbeitsort | Nein am Arbeitsort |
| Student, Eltern zahlen Wohnung | Studienort | Kommunal unterschiedlich |
| Ferienwohnungs-Eigentümer | Heimatort | Ja, am Ferienort |
| Vermietete Kapitalanlage | — | Nein (keine Eigennutzung) |
| Unverheiratet, Partner im Heimatort | Frei wählbar | Ja, am Nebenort |
| Wochenend-Beziehung, kein gemeinsamer Haushalt | Arbeitsort | Nein |
Ferienwohnung und Zweitwohnsitzsteuer: Besondere Fallstricke
Tourismusregionen wie Sylt, Norderney, Berchtesgaden, Konstanz oder das Allgäu erheben besonders hohe Sätze. Dabei gilt: Sobald die Wohnung dem Eigentümer für Eigennutzung zur Verfügung steht — auch nur potenziell — fällt die Steuer an. Reine Cashflow-Investitionen mit ganzjähriger Vermietung sind dagegen befreit.
Vermietete Ferienwohnung: Befreiung von der Zweitwohnsitzsteuer dokumentieren
Wer eine Ferienwohnung als Kapitalanlage hält und behauptet, sie ausschließlich zu vermieten, muss das nachweisen — durch Vermittlervertrag mit Agentur, Buchungslisten und Steuererklärung. Die Eigennutzung darf typischerweise 14 Tage pro Jahr nicht überschreiten, sonst greift die Steuerpflicht voll. Einige Kommunen (z. B. Konstanz, Norderney) verlangen einen unwiderruflichen Verwaltungsvertrag mit einer ortsansässigen Agentur als formalen Beleg.
Die Stadt Konstanz hat bei einer Ferienwohnung am Bodensee mit 12.000 EUR Jahresnettokaltmiete und 35 % Steuersatz eine jährliche Belastung von 4.200 EUR — ohne Befreiungsnachweis fließt das den lokalen Haushalt für die volle Halteperiode.
Investmentrechnung: Auswirkung auf die Eigenkapitalrendite
Die Zweitwohnsitzsteuer mindert direkt die Eigenkapitalrendite einer eigengenutzten Ferienimmobilie. Bei der Kapitalanlage-Kalkulation sollte sie zwingend in den jährlichen Bewirtschaftungskosten erscheinen — sonst fällt der Kaufpreisfaktor rechnerisch zu attraktiv aus. Auch beim DSCR-Check der finanzierenden Bank wird die Steuer als laufender Posten angerechnet.
Fix-Flip-Strategien und kurzfristige Eigentümer
Wer eine Immobilie zur Sanierung erwirbt und kurzfristig weiterverkauft, kann die Steuer durch konsequente Nichtanmeldung umgehen — sofern keine Eigennutzung erfolgt. Bei einem Fix-Flip-Projekt sollte die Wohnung im gesamten Renovierungszeitraum als unbewohnt gemeldet sein. Wird allerdings ein Bauleitnachweis verlangt, kann die Kommune die volle Steuer rückwirkend festsetzen, wenn Übernachtungen während der Sanierung dokumentiert sind.
Widerspruch und Rechtsmittel gegen die Zweitwohnsitzsteuer
Gegen den Steuerbescheid ist innerhalb eines Monats Widerspruch möglich (§ 70 VwGO). Wer Einspruch versäumt, hat ein Jahr lang nur noch die Möglichkeit der Anfechtung über § 130 AO bei nachträglich bekannten Tatsachen. Die Frist beginnt mit dem Tag nach Bekanntgabe — bei Postzustellung gilt die Drei-Tages-Fiktion nach § 122 Abs. 2 AO.
Erfolgreiche Argumente gegen die Zweitwohnsitzsteuer
- Eheliche Befreiung nach BVerfG-Rechtsprechung
- Falsche Bemessungsgrundlage (zu hohe fiktive Miete)
- Nutzung unter Bagatellgrenze (z. B. 23 m²)
- Kein melderechtlicher Nebenwohnsitz nachweisbar
- Wohnung tatsächlich vermietet, nicht selbstgenutzt
- Verfassungswidrige Satzung (Steuersatz zu hoch)
Checkliste: Schritt-für-Schritt zum erfolgreichen Widerspruch
- Steuerbescheid auf Eingangsdatum prüfen
- Satzung der Kommune online abrufen
- Befreiungstatbestand identifizieren
- Heiratsurkunde oder Mietvertrag als Beleg
- Schriftlichen Widerspruch fristwahrend einreichen
- Aussetzung der Vollziehung beantragen
- Bei Ablehnung: Klage beim Verwaltungsgericht
Kosten eines Verwaltungsgerichtsverfahrens
Eine Klage vor dem Verwaltungsgericht kostet bei einem Streitwert von 3.000 EUR rund 750–900 EUR Gerichts- und Anwaltskosten — beide Seiten zusammen. Bei klarer BVerfG-Rechtsprechung gewinne

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