Merit-Order (Wiki, Definition): Einsatzreihenfolge von Kraftwerken
Die Merit-Order entscheidet jede Stunde an der Strombörse, welches Kraftwerk laufen darf — und welcher Preis am Ende auf der Stromrechnung steht. Wer eine Immobilie besitzt, vermietet oder gerade kauft, spürt das Prinzip direkt in den Nebenkosten, in der Heizkostenabrechnung und in der Wirtschaftlichkeit von PV-Anlagen. Dieser Beitrag erklärt die Mechanik der Einsatzreihenfolge, die Rolle des teuersten Kraftwerks (Grenzkraftwerk), die Kostenstruktur der Erzeuger und die konkreten Folgen für Vermieter, Käufer und Kapitalanleger — inklusive Reformdebatte, Praxis-Fallstricken und Rechenbeispielen.
Merit-Order: So funktioniert die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke
Die Merit-Order sortiert alle verfügbaren Kraftwerke nach ihren kurzfristigen Grenzkosten — also den variablen Kosten je zusätzlich erzeugter Megawattstunde. Eingesetzt wird zuerst das billigste Kraftwerk, dann das nächst günstigere, bis die Stromnachfrage gedeckt ist. Das letzte zugeschaltete Kraftwerk — das Grenzkraftwerk — bestimmt den Marktpreis für alle Erzeuger in dieser Stunde.
Merit-Order und das Prinzip des einheitlichen Marktpreises
An der EPEX SPOT in Paris läuft der Day-Ahead-Markt nach dem Pay-as-cleared-Verfahren: Alle Anbieter erhalten den Preis des teuersten noch benötigten Kraftwerks. Photovoltaik mit Grenzkosten nahe 0 EUR/MWh erhält denselben Börsenpreis wie ein teures Gaskraftwerk — die Differenz ist die Inframarginalrente, mit der die Investitionskosten refinanziert werden. Rechtsgrundlage in Deutschland ist § 1a EnWG (energiewirtschaftliche Ziele) sowie das EU-Strommarkt-Design der Verordnung 2019/943.
Merit-Order in der Praxis: typische Einsatzreihenfolge
- Erneuerbare (Wind, PV, Wasser) — Vorrang per § 11 EEG
- Laufwasser- und Kernkraftwerke (wo verfügbar)
- Braunkohle als Grundlast
- Steinkohle in der Mittellast
- Gas-Kombikraftwerke (GuD)
- Gasturbinen und Ölkraftwerke als Spitzenlast
- Biomasse und Pumpspeicher als flexible Reserve
Merit-Order und der Day-Ahead vs. Intraday-Markt
Die klassische Merit-Order wird im Day-Ahead-Auktionsverfahren um 12:00 Uhr für den Folgetag bestimmt. Im Intraday-Handel (kontinuierlich, bis 5 Minuten vor Lieferung) verschiebt sich die Reihenfolge ständig — bei Prognosefehlern für Wind und PV kann der Intraday-Preis um 100–300 EUR/MWh vom Day-Ahead-Preis abweichen. Für Großverbraucher und PV-Direktvermarkter ist genau dieser Spread eine Erlösquelle.
Merit-Order und Grenzkosten: Warum Gas oft den Preis macht
Die Reihenfolge richtet sich nicht nach Investitions-, sondern nach Grenzkosten: Brennstoff, CO₂-Zertifikate (EU-ETS), variable Wartung. Bei hohen Gaspreisen rutscht Gas nach oben in der Reihenfolge — und prägt dann als Grenzkraftwerk den Strompreis für den gesamten Markt.
Merit-Order Kostenstruktur im Vergleich
| Kraftwerkstyp | Grenzkosten (EUR/MWh) | CO₂-Anteil typisch | Wirkungsgrad | Rolle in Merit-Order |
|---|---|---|---|---|
| Wind onshore | 0–3 | 0 | — | Grundlast (EEG-Vorrang) |
| Wind offshore | 0–5 | 0 | — | Grundlast (EEG-Vorrang) |
| PV (Freifläche) | 0–2 | 0 | — | Mittagsspitze, EEG-Vorrang |
| Laufwasser | 5–15 | 0 | ~90 % | Grundlast |
| Kernkraft | 10–20 | 0 | ~33 % | Grundlast |
| Braunkohle | 30–60 | 1,1 t/MWh | 38–43 % | Mittellast |
| Steinkohle | 60–110 | 0,85 t/MWh | 40–46 % | Mittellast |
| Gas (GuD modern) | 80–180 | 0,35 t/MWh | 58–62 % | Spitzen-/Grenzlast |
| Gas (alte GuD) | 120–250 | 0,40 t/MWh | 45–52 % | Grenzlast |
| Gasturbine (Open Cycle) | 180–350 | 0,55 t/MWh | 30–38 % | Spitzenlast |
| Ölturbine | 200–400 | 0,8 t/MWh | 30–35 % | Reserve |
| Biogas (flexibel) | 120–200 | 0 (bilanziell) | 40 % | Spitzenlast (vergütet) |
Praxis-Tipp: Wenn Gas im Strommix das Grenzkraftwerk stellt, treibt jeder Euro Gaspreisanstieg den Großhandelsstrompreis um etwa 2 EUR/MWh nach oben — wegen Wirkungsgrad und CO₂-Kosten. Wer eine Wärmepumpe einbaut, sollte den dynamischen Stromtarif nach § 41a EnWG prüfen: Lastverschiebung in günstige Stunden senkt die Stromrechnung um 10–25 %.
Merit-Order: Wirkungsgrad bestimmt die Position
Selbst innerhalb einer Kraftwerksart entscheidet der Wirkungsgrad über die Reihenfolge. Ein modernes GuD-Kraftwerk mit 60 % Wirkungsgrad rutscht in der Merit-Order vor eine alte Gasturbine mit 35 % — bei gleichem Gaspreis liegt die Differenz schnell bei 40–60 EUR/MWh. Auch der CO₂-Preis im EU-ETS (derzeit volatil zwischen 60–95 EUR/t) verschiebt die Rangfolge: Steigt der Zertifikatspreis um 10 EUR/t, verteuert sich Braunkohle um etwa 11 EUR/MWh, Gas nur um 3,5 EUR/MWh — Gas rückt dann strukturell nach vorne.
Merit-Order und Anfahrkosten: Warum nicht jedes Kraftwerk täglich startet
Die reine Grenzkostenlogik wird in der Praxis durch Anfahrkosten (Startup Costs) ergänzt. Ein Kohleblock kostet bis zu 50.000 EUR pro Kaltstart, ein GuD rund 15.000–30.000 EUR. Deshalb laufen viele Mittellastkraftwerke auch in Stunden mit niedrigen Preisen weiter (Must-Run) — was die Merit-Order in der Realität glättet und negative Preise erst ermöglicht.
Merit-Order Effekt: Erneuerbare drücken den Börsenpreis
Speisen Wind und Sonne stark ein, fallen teure Kraftwerke aus der Merit-Order heraus. Das Grenzkraftwerk wird günstiger — der Strompreis sinkt. Dieser Effekt hat in windreichen Stunden schon zu negativen Strompreisen geführt, weil Erzeuger lieber draufzahlen, als ihre EEG-Vergütung zu verlieren oder Kraftwerke abzuschalten.
Merit-Order Effekt in Zahlen
- 1 GW zusätzliche Wind-Einspeisung: 1–3 EUR/MWh weniger
- Sonnenreicher Mittag: 30–50 % unter Nachtpreis
- Negative Stundenpreise: bis −500 EUR/MWh möglich
- Dunkelflaute: Großhandelspreise über 400 EUR/MWh
- Wochenendnachfrage: 15–25 % unter Werktagen
- EEG-Förderwegfall ab 4 Stunden Negativpreis (§ 51 EEG)
Merit-Order und Immobilien: Nebenkosten, Heizung, PV-Anlage
Strom- und Gaspreise schlagen bei Vermietern direkt in die Heizkostenabrechnung nach HeizkostenV und in die Betriebskostenabrechnung nach § 2 BetrKV durch. Wer als Eigentümer die Mechanik versteht, kann Modernisierung, PV-Investition und Mietkalkulation realistisch planen — und Streit um die Nebenkostenabrechnung vermeiden.
Merit-Order Auswirkungen auf die Mietrendite
Steigen die kalten Nebenkosten durch hohe Strom-Hausstrompreise (Allgemeinstrom, Aufzug, Pumpe, Beleuchtung), sinkt die Warmmiete-Akzeptanz bei Mietern. Die Folge: Sie können die Kaltmiete schwerer durchsetzen — was wiederum die Mietrendite und den Cashflow drückt. Wer eine Kapitalanlage prüft, sollte die Energiekosten in der Kapitalanlage-Kalkulation einkalkulieren und über den Kaufnebenkosten-Rechner hinaus eine 10-Jahres-Energiekostenprognose führen.
Merit-Order Rechenbeispiel 1: PV-Anlage als Antwort auf Strompreis-Volatilität
Beispiel Mehrfamilienhaus: 12 kWp PV-Anlage, Investition 18.000 EUR, Eigenverbrauch 30 % im Allgemeinstrom, Einspeisung 70 %. Bei Bezugspreis 35 ct/kWh und Einspeisevergütung 8,1 ct/kWh ergibt sich ein jährlicher Vorteil von ca. 1.700 EUR — Amortisation rund 10–11 Jahre, danach reine Renditesteigerung über 15+ Jahre Restlaufzeit.
Merit-Order Rechenbeispiel 2: Wärmepumpe ersetzt Gasetagenheizung
Beispiel 4-Familienhaus, 320 m²: Gasverbrauch alt 38.000 kWh/a × 12 ct/kWh = 4.560 EUR/a. Neue Wärmepumpe mit JAZ 3,5 benötigt rund 10.900 kWh Strom × 28 ct/kWh (Wärmepumpentarif) = 3.052 EUR/a. Ersparnis 1.508 EUR/a. Investition 42.000 EUR abzgl. 30 % BEG-Förderung = 29.400 EUR Eigenanteil. Statische Amortisation rund 19,5 Jahre — verkürzt sich auf 11–13 Jahre, wenn PV-Eigenstrom 30 % deckt. Modernisierungsumlage nach § 559 BGB: 8 % der umlagefähigen Kosten p.a., gedeckelt auf 3 EUR/m² in 6 Jahren.
Solche Investitionen verbessern den Renovierungs-ROI und können — gekoppelt mit Wärmepumpe und Dämmung — die Eigenkapitalrendite spürbar erhöhen. Wer die Sanierung über eine Anschlussfinanzierung mitfinanziert, sollte die Energieeinsparung gegen den Zinsaufschlag rechnen. Beim kurzfristigen Wiederverkauf nach Sanierung ist die Spekulationssteuer nach § 23 EStG zu beachten.
Merit-Order: Energiekosten je Wohneinheit im Überblick
| Heizungsart | Verbrauch (kWh/m²·a) | Energiekosten EUR/m²·Monat | CO₂-Kostenanteil | Sensitivität Merit-Order |
|---|---|---|---|---|
| Gasbrennwert (Bestand) | 120–160 | 1,40–2,10 | 0,15–0,25 | hoch (Gaspreis direkt) |
| Fernwärme (Mix) | 100–140 | 1,30–1,90 | 0,10–0,20 | mittel (Erzeugungsmix) |
| Pelletheizung | 110–140 | 1,10–1,50 | 0 (bilanziell) | gering (Holzmarkt) |
| Wärmepumpe (JAZ 3,5) | 40–60 | 0,90–1,40 | 0,05–0,10 | mittel (Strompreis) |
| Wärmepumpe + PV (30 %) | 40–60 | 0,40–0,80 | 0,03–0,07 | gering (Eigenstrom) |
| Ölheizung (Bestand) | 140–180 | 1,60–2,30 | 0,25–0,35 | gering (Ölmarkt entkoppelt) |
| Nachtspeicher (Strom) | 150–200 | 2,80–4,00 | 0,10–0,20 | sehr hoch |
Merit-Order und Gasumlage: Was der Strompreis mit Heizkosten zu tun hat
Weil Gas in vielen Stunden das Grenzkraftwerk stellt, koppeln sich Gas- und Strompreis miteinander. Steigt der Gas-Großhandelspreis, steigen Heizkosten und Stromkosten zugleich. Für Vermieter heißt das doppelte Belastung der Mieter — und wachsender Modernisierungsdruck nach GEG (Gebäudeenergiegesetz, §§ 71 ff.) bei Heizungstausch und 65-%-EE-Pflicht.
Merit-Order: Maßnahmen für Eigentümer und Vermieter
- PV-Anlage zur Senkung des Allgemeinstroms
- Wärmepumpe statt Gas-Brennwerttherme
- Dämmung der obersten Geschossdecke
- Hydraulischer Abgleich der Heizung
- Smarte Verbrauchsmessung pro Wohneinheit
- Mieterstrom-Modell nach § 21 EEG prüfen
- Stromtarif mit dynamischer Preiskomponente
- Batteriespeicher zur Eigenverbrauchsoptimierung
Merit-Order: Kritik, Reformdebatte und Alternativen
Kritiker bemängeln, dass billige Erneuerbare am Pay-as-cleared-Preis verdienen, der vom teuren Gas bestimmt wird — Stichwort Übergewinne. Diskutiert werden Pay-as-bid, Differenzverträge (CfD), zweigeteilte Märkte und Kapazitätsmärkte. Jede Reform hat Nebenwirkungen für Investitionsanreize und Versorgungssicherheit.
Merit-Order Reformansätze im Vergleich
| Modell | Preisbildung | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|---|
| Pay-as-cleared (Status quo) | Grenzkraftwerk | Effiziente Einsatzreihenfolge | Hohe Inframarginalrenten |
| Pay-as-bid | individuelles Gebot | Kein einheitlicher Spitzenpreis | Strategische Gebote, Ineffizienz |
| Differenzverträge (CfD) | Festpreis pro Anlage | Planbare Erlöse, EE-Förderung | Komplexe Auktionen |
| Kapazitätsmarkt | Vergütung für Bereithaltung | Versorgungssicherheit | Doppelfinanzierung möglich |
| Geteilter Strommarkt | EE separat von Konventionellen | Endkundenentlastung | Marktfragmentierung |
| Lokale Knotenpreise | regional differenziert | Netzentlastung | Standortnachteile Süddeutschland |
Für Vermieter und Kapitalanleger ist die Reformdebatte kein Randthema: Jede Änderung verschiebt die Wirtschaftlichkeit von PV-, Wärmepumpen- und Mieterstrominvestitionen. Wer heute Sanierungsmodelle rechnet, sollte mindestens zwei Preisszenarien parallel führen und das maximale Investmentvolumen entsprechend puffern.
Merit-Order Fallstricke: Die häufigsten Fehler in der Praxis
Wer Energiekosten in die Immobilienkalkulation einbaut, übersieht typische Stolpersteine. Diese Fehler kosten in der Praxis fünfstellige Beträge — entweder durch verfehlte Modernisierung oder durch falsch kalkulierte Mieterhöhungen.
- Allgemeinstrom mit Haushaltsstrompreis verwechseln
- Wärmepumpen-Tarif nicht separat kalkulieren
- JAZ aus Datenblatt statt realer Messung nutzen
- Modernisierungsumlage über § 559 BGB-Kappung hinaus
- PV-Eigenverbrauch ohne Speicher zu hoch ansetzen
- EEG-Vergütung mit Marktwert verwechseln
- CO₂-Kosten-Aufteilung nach CO2KostAufG ignorieren
- Mieterstrommodell ohne Gewerbesteuerprüfung
- Förderfristen (BEG, KfW 261) übersehen
- Anschlussfinanzierung ohne Sanierungsbudget
Praxis-Tipp: Seit dem CO2KostAufG müssen Vermieter je nach Energieträger anteilig die CO₂-Kostenaufschläge mit ihren Mietern teilen. Bei Gasheizung liegt der Vermieteranteil bei 75 % (Mieter 25 %), bei Ölheizung 60/40. Wer die Kostenaufteilung in der Nebenkostenabrechnung falsch macht, riskiert Rückzahlungsforderungen nach Ablauf der Verjährung. Die Vergangenheit sollte deshalb über die Nebenkostenabrechnung-Prüfung überprüft werden.
Merit-Order und Energiewende: Szenarien für 2030 und 2040
Mit dem Ausstieg aus Kohle und Kernkraft sowie dem Zielkorridor von 80 % Erneuerbaren bis 2030 wird sich die Merit-Order fundamental verschieben. Grenzkosten-Schwankungen werden extremer, regionale Engpässe nehmen zu — und Speicher sowie Flexibilität werden zum knappsten Gut. Für Immobilienanleger bedeutet das: Virtuelle Kraftwerke (Aggregatoren), PV-Speicher-Kombis und Wärmepumpenpools mit Lastmanagement gewinnen an Rentabilität.
- 2025–2027: Gas bleibt oft Grenzkraftwerk, PV-Zubau verringert Mittagsspitzen
- 2028–2030: Wind und PV dominieren 60–70 % der Stromerzeugung, Backup-Kraftwerke teurer
- 2031–2040: Power-to-X, grüner Wasserstoff und Langzeitspeicher werden profitabel
Fazit: Merit-Order als Werkzeug der Immobilienanalyse
Wer Merit-Order versteht, blickt hinter die Kostendeklaration von heute und plant realistisch für morgen. Strom- und Gaspreise bleiben volatil — aber ihre Treiber sind transparent. Die richtige Sanierungsstrategie, das optimale Timing für PV und Wärmepumpe sowie die realistische Mietkalkulationen entstehen aus dieser Analyse, nicht aus Daumenregeln.
Checklist für Vermieter und Kapitalanleger:
- Jahresabrechnung Strom/Gas 3 Jahre zurück analysieren
- Allgemeinstrom vom Haushaltsstrom trennen
- Heizungsart und Baujahr checken — Modernisierungspotenzial?
- PV-Wirtschaftlichkeit mit realem Eigenverbrauch und Speicheroption durchrechnen
- Wärmepumpen-JAZ mit lokaler Wärmequelle und Gebäudezustand prüfen
- Denkmal AfA bei Altbauten in Betracht ziehen
- Vermieteraufall-Versicherung und Nebenkosten-Risiken kalkulieren
- Eigennutz-Szenario gegen Vermietung abwägen
- Merit-Order-Szenarien für Prognoserechnung verwenden, nicht Lineare Fortschreibung

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